Chinese Car Factory

China – im Land der tausend Automarken

Ein Höhepunkt meiner Reise rund um den Globus durch die Beschaffungsabteilungen der Automobilindustrie war China. Einen schwülwarmen Sommer und einen extrem kalten Herbst lang hielt ich mich in der Volksrepublik auf, um Führungskräfte im Einkauf zu trainieren. Bereits die Anreise war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Das Bodenpersonal der Lufthansa kommandierte eine chinesische Reisegruppe im militärischen Befehlston – ein Rätsel, das sich nach wenigen Tagen im Land von selbst löste. Und nach einem Zwischenstopp in Beijing (Peking) bereute ich, mein Handgepäck auf dem Boden abgestellt zu haben. Zu spät kam die Erkenntnis, dass das Spucken auf den Flugzeugboden augenscheinlich nicht gegen den chinesischen Business-Knigge verstößt. Der Umgangston wirkt auf Europäer zuweilen etwas harsch. Dennoch ist China eines der höflichsten und freundlichsten Länder, das ich je kennengelernt habe.

Eine gelungene Überraschung erwartete mich – als Automobilexpertin – auf den Straßen. Ca. 279 Millionen Kraftfahrzeuge gibt es in China, doch dass mir die Mehrzahl der Automarken gänzlich unbekannt sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Bei jeder Taxi- oder Busfahrt in der Provinzhauptstadt Shenyang fielen mir „neue“ Marken auf und keiner konnte mir sagen, wie viele insgesamt auf Chinas Straßen unterwegs sind. Wer es zu Wohlstand gebracht hat, bevorzugt deutsche Autos. BMW und Daimler sind beliebte Statussymbole. Und so wundert es wenig, dass alle Einkäufer, die ich getroffen habe, möglichst viel über deutsche Standards wissen wollten.

Mein Aufenthalt in Shenyang galt einer Trainingsgruppe aus dem Einkauf aus unterschiedlichen asiatischen Ländern. Hierzu zählten Teilnehmer aus China, Thailand, Indien und Malaysia. Disziplin, Hierarchiedenken und eine hohe Arbeitsmoral zwingen denjenigen, der hier ernst genommen werden möchte, zu äußerster Strenge. Die kommandierende Stewardess vor meinem geistigen Auge musste auch ich meinen Trainingsstil an die chinesischen Gepflogenheiten anpassen. Mit kooperativen Methoden, wie sie in Europa und USA angemessen sind, hätte ich hier sicherlich mein Ziel verfehlt. Aber wo sonst als in China stehen am Ende eines Tages alle Teilnehmer auf und verbeugen sich vor dem Trainer?

Auffällig war auch das „Wir-Gefühl“ unter den chinesischen Teilnehmern. Abstimmungen finden demokratisch in der Gruppe statt, man lässt sich hierfür Zeit und jeder kommt zu Wort. Vielleicht sind ja die von uns Europäern bei oberflächlicher Betrachtung wahrgenommenen Gegensätze von Härte und Freundlichkeit die bereits in der alten chinesischen Philosophie beschriebenen Prinzipien von Yin und Yang. Wie dem auch sei, ich reise gerne wieder nach China. Ein herzliches Willkommen und Lächeln begleiten einen Besucher von der ersten Minute an. Fast möchte man sich verbeugen.