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Die Wirtschaft nach dem Coronavirus: Was kommt auf uns zu? Kommt es zum Wandel in den weltweiten Wertschöpfungsketten? 

Frau Dammann-Götsch, wann werden wir in den gewohnten Zustand zurückfinden?

Ein Zurück kann ich mir, offen gestanden, nicht vorstellen! Die gewohnten Strategien unter dem Motto „Das haben wir schon immer so gemacht“ werden nicht funktionieren. Dazu dreht sich die Welt viel zu schnell. Im Einkauf sind jetzt strategische Themen gefragt und natürlich noch mehr Digitalisierung.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Gerne! Seit gut 20 Jahren arbeiten die Einkäufer in der Automobilindustrie unter den Vorgaben des „Just in Frequency“ – alle Teile haben entsprechend dieser Vorgabe genau dann am Band zu sein, wenn sie gebraucht werden. Offiziell gibt es keine Läger mehr, da sie angeblich vor allem Kosten verursachen. Dieses Konzept ist in den vergangenen Wochen krachend gescheitert – ohne China funktioniert „Just in Frequency“ nicht mehr.

Die Kosten des Stillstands sind derzeit immens – und das nicht nur bei den Automobilherstellern. Könnte die Produktion in der gewohnten Art und Weise problemlos wieder starten, würden binnen zwei Wochen alle Produktionsbänder wieder laufen. Die fehlenden Teile würden anfangs schlicht aus China eingeflogen, weil das billiger als ein Stillstand wäre. Die Containerschiffe würden nach sieben bis acht Wochen ankommen.

Wäre der Weg zurück in eine normale Vor-Corona-Zeit einfach, so wäre er schon längst beschritten worden. Wir würden längst viel mehr Fluglärm über Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis hören und auch auf den Autobahnen müsste es längst lange Lkw-Schlangen geben. Doch beides ist nicht der Fall.

Erst wenn das Vertrauen zurückkehrt, werden wir mehr Flugzeuge hören, dann aber sehr schnell. Noch erschweren unterbrochene Lieferketten, anspruchsvolle Hygienekonzepte und auch Grenzschließungen einen Neustart. Der Weg zurück zur Normalität wird lang und kompliziert. Ein schlichtes „Weiter so!“ wird es im Einkauf nicht geben.

Wie reagieren die Einkäufer aus den Unternehmen auf die veränderte Lage?

In der Industrie stellt sich derzeit allenthalben die strategische Frage nach einer Second Source, einem Zweitlieferanten. Es geht um Engpässe, Liefersicherheit, Service, Qualität und Nachhaltigkeit. Es könnte sein, dass nationale oder europäische Lieferanten stärker einbezogen werden. Aber die Einkäufer werden auch weiterhin dem Motto „think local buy global“ folgen. Es wird eine strategische Neuausrichtung geben.

Ist ein Ende des chinesischen Wirtschaftswunders zu befürchten?

Nein, das sehe ich nicht! Das Rad wird nicht völlig zurückgedreht. China bleibt stark, die Einkäufer werden dort weiter einkaufen. Aber es werden Alternativen aufgebaut. Die Industrie sieht sich gezwungen, unabhängiger von einzelnen Lieferanten und Ländern zu werden. Der Einkauf muss über eine entsprechende Optimierung seinen Teil dazu beitragen, dass die Unternehmen wieder flott werden. Das kann der Vertrieb alleine nicht schaffen.Moderne Einkäufer sind Warengruppenmanager und keine simplen Preisdrücker. Wenn jetzt möglichst schnell neue, alternative Lieferanten aufgebaut werden, um die Wertschöpfungsketten zu sichern, dann kann dies nicht leichtfertig erfolgen. Die Zulieferer und ihre Lieferanten sind weltweit genau zu beleuchten – oder würden Sie es gutheißen, wenn irgendwo ein Kinderarbeit-Skandal oder Vergleichbares leichtfertig in Kauf genommen würde? Derzeit werden die Kriterien zur Lieferantenauswahl überdacht – mit dem Blick auch auf Notfallpläne und alternative Beschaffungswege. Die Ziele lauten: mehr Unabhängigkeit vom Lieferanten und mehr Transparenz in der Zulieferkette. Das ist eine strategische Aufgabe, welche sich nur durch konsequente Digitalisierung lösen lässt.

Sie erwähnten eingangs das Stichwort Digitalisierung. Was wird sich in der SAP-gestützten Welt der Einkäufer und der Unternehmen unter diesem Blickwinkel ändern?

Mit SAP lässt sich vieles automatisieren, aber der Einkauf bleibt abhängig vom Faktor Mensch. Wenn wir aus der Krise etwas lernen wollen, dann zum Beispiel, dass wir gut beraten sind, bei den Warengruppen Ordnung zu schaffen. Viele Routinebestellungen lassen sich schon heute digital abwickeln. Moderne Einkäufer richten in ihren Unternehmen E-Catalogue ein, in denen die Mitarbeiter alle erfor-derlichen Arbeitsmittel selbstständig ordern können. Das führt einerseits zu mehr individueller Freiheit und Verantwortung. Andererseits verschafft diese vertrauensbildende Maßnahme den Einkäufern den Freiraum für wichtige strategische Entscheidungen. So ein E-Catalogue ist gelebte Digitalisierung: Er sorgt für passende Preise, Technik und Qualität, sichert zugleich den Lieferservice und verschlankt lästige ad-ministrative Routinearbeiten.

Eines ist mir wichtig: Diejenigen Einkäufer, die derzeit im rein operativen Geschäft tätig sind, sollten sich keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Es wird ohne manuelles Nachjustieren nicht gehen.

Mehr Digitalisierung ist auch notwendig, um mehr Wissen über Warengruppen zu erhalten. Nur mit einem soliden Wissensmanagement lassen sich Warengruppen durch Einkäufer optimieren. Ich weiß: Das gefällt keinem Lieferanten. Aber Jammern hilft nicht!

Welche weiteren Entwicklungen erwarten Sie?

Aktuell sind alle Kunden, auch die Endverbraucher, vorsichtig. Das erschwert weltweit einen Neustart, nicht nur in der Automobilindustrie. Dadurch entsteht zusätzliche Zeit zum Nachdenken. Viele Menschen, vor allem die jüngeren, haben zum ersten Mal erlebt, was es heißt, Ruhe auszuhalten. Sie waren und sie sind auf sich, auf ihren Arbeitsplatz, ihr Homeoffice, ihre Familie, ihre alltäglichen Bedürfnisse reduziert – eine echte Herausforderung.

Wir werden bald erleben, welche neuen Ideen in dieser besonderen Phase entstanden sind. Einkäufer, die die Lage überblicken, haben sich virtuell schon längst wieder auf ihre internationale Einkaufstour begeben. Sie werden künftig noch weniger reisen, und sie werden stärker auf digitale Kommunikationsmittel zurückgreifen, wie auch ihre Lieferanten. Das wird die gesamten Prozesse in der Wertschöpfungskette beschleunigen – und gleichzeitig die Umwelt schonen.

Ob Corona Episode bleibt, eine Zäsur wird oder sogar einen Epochenwechsel einläutet, weiß kein Mensch. Was ich weiß, ist, dass es der Staat alleine nicht richten kann. Wenn die Politik die Freiheit der Unternehmen nicht gefährdet und die öffentlichen Hilfsmaßnahmen technologie- und ergebnisoffen bleiben, werden wir schon bald erste, sehr schöne Früchte sehen. Aber wenn der Staat zum Beispiel das Arbeiten im Homeoffice detailliert regeln sollte, dann werden wir uns bald noch häufiger über eine ins Absurde weiterwachsende Bürokratie beklagen müssen.

Das Interview führte Dr. Achim Knips , IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern – erschienen im Wirtschaftsraum Hanau/Kinzigtal Juli/August 2020