Umweltfreundlicher Einkauf

Wie umweltfreundlich sind die Einkäufer der Zukunft?

Schlichte Preisdrücker sind von gestern. Werden die professionellen Einkäufer in Industrie und Handel schon bald Vorreiter in Sachen Umweltschutz sein? Einkaufsberaterin Tanja Dammann-Götsch aus Hanau bezieht im Interview Stellung.

Frau Dammann-Götsch: Der Wettbewerbsdruck steigt. Mit Google, Facebook & Co. können heute alle Menschen, die ihr Smartphone in Grundzügen beherrschen, Preise und zum Teil auch Qualitäten vergleichen – und das weltweit. Löst die Digitalisierung irgendwann die Einkäufer ab? Ist ein Struktur- und Imagewandel im Einkauf notwendig?
Die Digitalisierung im Einkauf kommt. Das Stichwort hierzu lautet „Einkauf 4.0“. Bereits heute gibt es Programme, die ausrechnen, was ein Teil kosten darf. Meine Prognose lautet daher: für einen Teil des B-Teile-Einkaufs und den gesamten C-Teile-Einkauf wird man bald keinen Einkäufer mehr brauchen. Umso mehr werden jedoch Einkäufer mit interkultureller Verhandlungskompetenz für die A-Teile-Beschaffung und für den Einkauf komplexerer B-Teile gefragt sein.

Damit Einkäufer Zukunft haben: Wie sollte diese Abteilung dann betriebsintern aufgestellt sein?
Erbsen zählen können Computer besser als Menschen. D.h. die Einkäufer werden anspruchsvollere Aufgaben übernehmen. Sie werden in interdisziplinarischen Teams ihre Kompetenz einbringen und zu Managern ihrer Warengruppe aufsteigen. Sie werden sich viel mehr mit den unternehmerischen Zielen identifizieren müssen und strategisch sinnvolle Einkäufe tätigen. Immer auch im Blick: Image und Innovationskraft des Unternehmens.

Wie wichtig sind künftig Umwelt- und Energiefragen im Einkauf für Industrie und Handel?
Das Image der Automobilhersteller hat in den letzten Jahren deutlich gelitten. Ökologie ist das Feld, auf dem Vertrauen zurück gewonnen werden kann. Die Gretchenfrage wird daher künftig lauten: Wie hält es ein Automobilhersteller mit der Umwelt? Der Einkauf wird dafür sorgen müssen, dass Entscheidungen langfristig angelegt sind, denn die Glaubwürdigkeit der Unternehmen steht auf dem Spiel. Die Entwicklung von Elektrofahrzeugen ist das Eine, ein Ressourcen schonender Produktionsprozess das Andere. Darüber hinaus geraten auch die Produktionsbedingungen in fernen Ländern ins Blickfeld und müssen mitverantwortet werden.

Stichwort „Dieselgate“ rund um VW, Audi und wohl auch Bosch. Wenn Sie als Konzern-Einkäufer jetzt neue Dienstwagen anschaffen müssten: Wie würden Sie reagieren? Und was sollte Ihrer Ansicht nach der VW-Konzern tun, damit die Großkunden bei der Stange bleiben?
Diesel ist immer noch am günstigsten. Dies lässt sich auch durch Prämien nicht kompensieren. Doch nicht allein der Kostenfaktor spielt eine wichtige Rolle. Was die Rahmenbedingungen betrifft, ist die E-Mobilität noch lange nicht konkurrenzfähig. Das E-Tankstellen-Netz in Europa wirkt wenig überzeugend. Jedoch wäre ein klares Statement eines Konzern-Einkäufers „in 5 Jahren fahren bei uns nur noch E-Autos oder Hybride vom Hof“ ein positives Signal. VW tut gut daran, für solche Großkunden glaubwürdige Lösungen anzubieten. Und so die “verfahrene“ Situation als Chance zu nutzen.

Haben Sie schon Signale aus der Automobilindustrie, von den Zulieferern, aus dem Kfz-Handel, wie sich „Dieselgate“ auswirkt? Beginnen erste Einkäufer ihre Budgets zu verlagern?
Vor „Dieselgate“ hätte sich niemals ein Zulieferer getraut, sich mit einem so großen Hersteller wie VW anzulegen. Die Auswirkungen auf Herstellerseite machen sich ebenfalls deutlich bemerkbar: Budgets werden gestrichen, Projekte gestoppt, Personal abgebaut. Die Branche ist verunsichert. In Wartehaltung. Es ist klar, dass die E-Mobilität das Zukunftssegment sein wird. Vielleicht wartet man noch ab, was die Politik vorgeben wird.

Letzte Frage: Rechnet sich alternative Mobilität für Unternehmen schon heute in bestimmten Fällen?
Wie gesagt, Diesel ist derzeit immer noch die billigste Lösung. Ob das so bleibt, darf man bezweifeln. Die Innenstädte leiden unter erhöhten Feinstaubwerten. Man muss nicht warten, ob eine neue Plakette kommt, Unternehmen könnten bereits heute mit fortschrittlichen Ideen punkten. Hier ist auch Kreativität gefragt. Stellen Sie sich ein Taxiunternehmen vor, das seine Flotte für innerstädtische Fahrten auf Elektroautos umstellt. Das wäre doch eine Sensation. Ein Feldversuch hat übrigens letztes Jahr in Stuttgart bereits stattgefunden.